Swinemünde – Flüchtlinge im Bombenkrieg

Am 12. März 1945 greifen 661 US-Bomber die mit Flüchtlingen überfüllte pommersche Kleinstadt Swinemünde auf Usedom an, rund 4.500 Menschen sterben.
Am 12. März 1945 greifen 661 US-Bomber die mit Flüchtlingen überfüllte pommersche Kleinstadt Swinemünde auf Usedom an, rund 4.500 Menschen sterben.© U.S. Army Air Force (gemeinfrei)

Rund 70.000 Menschen, darunter mindestens 30.000 Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen, Danzig und Pommern befinden sich Anfang März in Swinemünde. Auf den Straßen der Inseln Wollin und Usedom stauen sich die Flüchtlingstrecks, die nur langsam vorankommen und lange auf die Überquerung der Swine warten müssen. Viele Flüchtlingsschiffe aus Pillau und den pommerschen Häfen kommen hier an. Swinemünde ist nach wochenlangen Entbehrungen ein Ort des Ankommens. Hier funktioniert die Versorgung noch, hier gibt es berechtigte Aussicht auf ein warmes Nachtquartier.

Man glaubte dem Krieg entkommen zu sein, berichten viele ehemalige Flüchtlinge, wie der damals 16jährige Horst Wegner aus Belgard: „Dann kamen wir nach Swinemünde, wir haben dann gedacht, so, jetzt haben wir es endlich geschafft und sind in Sicherheit.“ Der Lehrling überlebt in einer Aschengrube, seine Eltern sterben unter den Trümmern ihres Notquartiers in Swinemünde: „Von dem Augenblick an war ich allein“.

Swinemünde ist aber durch die nahe Front auch ein bedeutsamer Stützpunkt der im Ostseeraum agierenden Kriegsmarine, die hier ihre Schiffe mit Munition und Treibstoff versorgt.

Der Vormarsch der Sowjets kommt Anfang März an der Dievenow östlich von Wollin zum Stehen, da die Rote Armee keine geeigneten Luftverbände im Nordabschnitt der Front zur Verfügung hat und auf erbitterte deutsche Gegenwehr stößt. Diese militärische Situation und die Aufklärung des Standorts des schweren Kreuzers Lützow in der Kaiserfahrt südlich Swinemünde sind Anlass für ein sowjetisches Hilfeersuchen an die amerikanische Militärmission in Moskau, „die Schiffahrt in Swinemünde zu bombardieren“. 

661 amerikanische Bomber und 412 Begleitjäger greifen am 12. März 1945 die Kleinstadt an der Odermündung an.

Mindestens 4.500 Menschen - vor allem Zivilisten – sterben in der Mittagsstunde des 12. März 1945. Unter ihnen ist auch der Schüler Martin Krüger aus Ortelsburg in Masuren. Seine Mutter, die mit ihren drei Söhnen nach wochenlanger Flucht in einem Zug seit vier Stunden auf die Abfahrt wartet, notiert in ihrem Tagebuch: „Um 12 Uhr plötzlich Fliegeralarm. Bei der zweiten Welle in der Nähe von uns ein Volltreffer und unser lieber Martin, im Dezember 1944 gerade zehn Jahre alt geworden, bekam einen Splitter ab, der ihm die linke Halsschlagader aufriss. Seine letzten Worte waren: „Mama, was ist los?“

Die meisten Todesopfer finden ihre letzte Ruhestätte auf dem Golm, dem Hausberg von Swinemünde, nur wenige hundert Meter westlich der Stadtgrenze und der heutigen Staatsgrenze gelegen. Hier in Kamminke befindet sich heute die größte Kriegsgräberstätte Mecklenburg-Vorpommerns.

Erst am 4. Mai 1945 rückt die Rote Armee schließlich fast zeitgleich von Westen und Osten in Swinemünde ein, das seit Oktober 1945 zu Polen gehört.